Da steht er, groß und kräftig, die Arme tätowiert, ein gewinnendes Lächeln auf dem Gesicht. Und neben ihm, Katharina Koch, seine zierliche Chefin. Man kann es wohl so formulieren: Sie sind Fan des jeweils anderen. Seit gut einem Jahr gehört Vadim Tkachenko zum Team der Fleischerei Koch in Calden.
„Eine Win-win-Situation“, meint die Chefin, Katharina Koch. Vom Fachkräftemangel, von der Suche nach verlässlichen Mitarbeitern kann sie ein Lied singen. Und dann stieß Vadim zu ihr, über ein Praktikum, vermittelt von seiner Lehrerin an einer Kasseler Sprachschule. Auch ohne offizielle Ausbildung als Metzger.
Vadim kam vor rund 2,5 Jahren aus der Ukraine nach Kassel, nachdem seine Stadt Wowtschansk in der Region Charkiw durch massive russische Angriffe zu großen Teilen zerstört worden war. Mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern hat er sich ins Auto gesetzt und ist nach fast 2400 Kilometern in Kassel gelandet. „Ich kämpfe nicht, ich muss für die Sicherheit meiner Familie sorgen“, erklärt er ernst. Kein einfaches Thema. Zu Hause, in seiner Heimat an der
russisch-ukrainischen Grenze, hat er mit seinem Schwiegervater Fleisch zerlegt und dann verkauft.
Ein Quereinsteiger ist er also. Gelernt hat er mal Landmaschinenmechaniker, hat auch zwischendurch als Polizist
gearbeitet. Und jetzt „macht Vadim in Ahler Wurscht“ in Calden. Vier Monate hat ihn Katharina Koch als Praktikant
unter die Lupe genommen. Parallel zu seinem Sprachkurs kam er an zwei Tagen in der Woche in den Betrieb. Das
A2-Zertifikat hat er mittlerweile in der Tasche. Und ein Job unter lauter deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen
ist wie der praktische Teil des Sprachkurses. Anfangs, erzählt Katharina Koch, lief die Verständigung mit Händen
und Füßen, oder dem Handy. Englisch spricht keiner ihrer 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Vadim gehört längst
fest zum Team. Seine Aufgaben: Fleisch zerlegen, Wurst machen, Ahle Wurst pflegen, oben im Wurstehimmel. Aber
in Stoßzeiten wie vor Weihnachten hilft er auch beim Kommissionieren und Verpacken. Ihm macht alles Spaß, meint
er. Seinen Job nimmt er ernst, das Interview dauert ihm viel zu lang.
In der Landfleischerei Koch arbeitet mittlerweile noch ein anderer Ukrainer in der Produktion. Andrej, ein Freund
von Vadim, der aber nicht so gern über sich sprechen möchte. Beide Männer sind eine feste Größe im Betrieb,
fleißig und engagiert. Und mit dem Willen, sich zu integrieren. Zur Kirmes in Calden kam Vadim mit der ganzen
Familie. Seine Frau arbeitet in einem Kosmetiksalon in Kassel, die Kinder besuchen Kindergarten und Grundschule.
Er will sich etwas aufbauen, seine Zukunft sieht er in Deutschland, zurück in die Ukraine zu gehen, ist keine Option für ihn. Katharina Koch hofft, dass er auch dann, wenn der Krieg vorbei ist, hierbleiben kann. Ihre Metzgerei läuft gut, Regionales ist sehr gefragt, viele ihrer Kollegen geben ihre Betriebe auf, oft, weil sie keinen Nachfolger finden.
Daran will die Chefin, die selbst nach einem Studium und einem Job bei den Vereinten Nationen in New York
Quereinsteigerin ist, noch nicht denken. Auch die Bürokratie spielt bei den Betrieben eine Rolle. Ebenso hohe Energiekosten und die Unsicherheit angesichts der allgemeinen Wirtschafts- und Weltlage. Die Bereitschaft zu investieren
ist da nicht so ausgeprägt. Mitarbeiter wie Vadim sollten die Chance bekommen, solche Unternehmen zu übernehmen, meint sie. Wobei Vadim eben aktuell keine Ausbildung hat. Und die drei Jahre als Azubi hätte er sich schlicht nicht leisten können. Weil sie Vadim nach dem Praktikum direkt angestellt hat, die Agentur für Arbeit außen vor war, gab es in diesem Fall wenigstens keinen großen bürokratischen Aufwand. Und eine Ausbildung, die könne man ja auch nachholen, ergänzt Katharina Koch. Sie ist ja auch erst sozusagen auf dem 2. Bildungsweg Metzgermeisterin
geworden.
Jetzt will Vadim aber endlich weitermachen, die Pause ist längst um, meint der 39-jährige Ukrainer mit Blick auf die
Uhr. Dass ein Interview Arbeit ist und seine Pause obendrauf kommt, wie die Chefin ihm erklärt, will er nicht hören.
Die Kollegen warten, heute wird Wurst gemacht.
Apropos, welche Wurst aus dem vielfältigen Koch’schen Sortiment schmeckt ihm denn am besten? Es sind die kleinen
Florentiner, die der große, kräftige Mann lachend in der Hand hält. „Die essen meine Kinder so gern, die nehme ich immer mit nach Hause“, sagt Vadim und verschwindet in die Wursteküche.
TEXT: BETTINA SCHAEFER
FOTOS: HARRY SOREMSKI