„… da steht er … den kenne ich schon… dass der so früh da ist … am Sonntag habe ich ihn schon mal gesehen, da hat er Pusteblumen gefuttert … jetzt geht er auf die Wiese, frisst Gras und Klee… ich sehe ihn gut im Glas … wenn er so locker da schlendert, ist alles in Ordnung und er hört uns nicht … jetzt kratzt er sich … jetzt kommt er hier her … das ist doch schön, wenn du runterkommst, Junge …“

Der Junge ist ein ausgewachsener Rehbock und Katharina Koch ist die Jägerin. Sie sitzt auf ihrem Hochsitz, das Fernglas vor den Augen, einen Gehörschutz über den Ohren und ihre Repetierbüchse schussbereit neben sich.

Ihrem Sitznachbarn, der heute ausnahmsweise dabei sein darf, flüstert die Jägerin ganz, ganz leise zu. „… nur nicht zu viel reden … sich nur nicht zu viel bewegen …“

Das ist in diesem Moment die Devise, denn die Tiere haben ein sehr feines Gehör für Fremdgeräusche und ein ebenso feines für Fremdgerüche. Damit der Wind selbige der beiden Menschen auf der Kanzel, wie der Hochsitz weidmännisch korrekt heißt, nicht genau in Richtung Wild trägt, hat Katharina Koch eine kleine Dose Pustefix-Seifenblasen dabei und testet damit, nachdem sich sich mit ihrem Begleiter auf dem Hochsitz „installiert“ hat, die Windrichtung. „… ist okay .. “, flüstert sie, während sich die Blasen in die Umgebung verteilen.

In der milden Abendsonne überquert der Rehbock die gegenüberliegende Wiese, kommt langsam wieder hinter der mitten auf der Wiese stehenden Eiche hervor und macht dann an einem Busch halt, an dem er genüsslich frisst.

„… ich hab den genau im Glas, aber das mache ich nicht…“, hört der Begleiter ihren Flüsterdialog, den sie mehr mit sich selbst führt.

Sie schätzt die Distanz auf gute 200 Meter. „Wenn man den Schuss nicht gescheit anbringen kann, lässt man es. Bei 200 Meter macht es ein Riesenstück aus, wenn ich nur ganz leicht verziehe“, weiß sie. Dass der Rehbock an einem Hang steht, macht es für das Schießen nicht einfacher, wie sie später erklärt. Auch die Art und Weise, wie das Wild steht, spielt eine große Rolle für den Schuss. „Von Kunstschüssen auf den Kopf halte ich persönlich nichts. Man sollte schießen, wenn das Tier breit zu einem steht“, so ihre Philosophie.

Grünes Abitur als Voraussetzung

Der Schuss soll so sein, dass er das Tier sofort erlegt – sicher und sauber. „Niemand hätte Freude, einem Tier unnötiges Leid anzutun“, erklärt Katharina Koch. „Jagen ist die behutsamste Art der Fleischbeschaffung. Kein Einsperren, kein Transport, mehr bio geht nicht.“

Ein Rehbock, wie der von der Wiese gegenüber, bringt es auf bis zu 25 Kilogramm Lebendgewicht. Ist er tatsächlich erlegt, beginnt für die Jägerin ein gutes und hartes Stück Arbeit. Das Tier ist zu bergen und von dort aus ins Auto zu schaffen, das am Waldrand irgendwo in der Nähe des Hochsitzes steht. Für den Fall, dass sich der Jagderfolg einstellt, hat die Jägerin eine große Plastikwanne im Auto, mit dem sie das tote Tier abtransportiert.

Von dort aus geht es dann – falls man selbst nicht die Möglichkeit dazu hat – zum Fleischer, wo das Tier ausgeweidet und „aus der Decke geschlagen“ wird. Das bedeutet so viel, wie dem Tier das Fell abzuziehen. „Aufbrechen, Gedärme rausnehmen und aus der Decke schlagen: Das muss man als Jäger können“, sagt Katharina Koch. Für sie als Fleischermeisterin ist das kein Problem und sie hat in ihrem Betrieb in Calden die Möglichkeit, all diese Tätigkeiten zu verrichten, die es braucht, bis das Wildfleisch verzehrfertig ist.

Doch das Jagen hält noch weitere Herausforderungen bereit, schließlich braucht jeder Jäger und jede Jägerin, die es zunehmend gibt, einen Jagdschein – „das grüne Abitur“, wie ihn viele diese Prüfung nennen.

Vier Jahre ist Katharina Koch im Besitz eines solchen und hat dabei viel übers Jagen und die Natur gelernt. Für ihren Jagdschein erfuhr die grundsätzlichen Regeln des Jagens, paukte Daten und Fakten zu Jagd- und Schonzeiten, lernte auf die Ferne männliche von weiblichen Tieren zu unterscheiden sowie Bäume erkennen und übte auf dem Schießstand am Silbersee regelmäßig schießen.

Über ihren Jagdschein hinaus hat sie eine Waffenbesitzkarte, in der ihre Schießgeräte eingetragen sind. Beides, Jagdschein und Waffenbesitzkarte, gilt es stets dabei zu haben, wenn sie auf die Jagt geht.

„Ordentlich Anblick dabei“

Das macht sie zu Zeiten, in denen sie im heimischen Betrieb nicht unbedingt gebraucht wird und die sich besonders gut fürs Jagen eignen: Morgens in der Frühe, bevor die Sonne aufgeht oder abends bevor die Dämmerung beginnt.

Der hier beschriebene Jagdausflug ging abends um sieben los und führte die Jägerin und ihren Begleiter auf einen Hochsitz auf dem Areal der Domäne Frankenhausen, die seit 1998 Lehr- und Versuchsbetrieb der Universität Kassel ist.

Bis um viertel nach acht harren die beiden auf der Kanzel aus, bis dann endlich mit dem Rehbock ein etwas größeres Wildtier auf der Wiese steht.

Vorher können sie zwei Hasen beobachten, die in einem Meer von Pusteblumen umherhoppeln und sich des Lebens erfreuen, obwohl sie sich eigentlich verstecken müssten, wie die Jägerin wegen eines Bussards erläutert, der oben am Himmel seine Kreise zieht. Auch ein Waschbär überquert die Wiese und läuft an der Eiche vorbei bis er, wie der Rehbock zuvor auch, in den Büschen verschwindet.

„Ob der Bock jetzt oder in zwei Stunden nochmal kommt, entscheidet er selbst“,weiß Katharina Koch. „Aber ordentlich Anblick war heute dabei“, sagt sie ganz weidmännisch. „Viele müssen lange sitzen, bevor sie überhaupt etwas sehen.“

„Wunderschön, so zur Ruhe zu kommen“

Das lange Sitzen und das genaue Wahrnehmen und beobachten seines Umfeldes macht das Jagen für Katharina Koch so interessant.
„Natürlich mache ich das nicht jeden Abend, aber es ist wunderschön, so zur Ruhe zu kommen und die Natur mit diesen edlen und eleganten Wildtieren ganz nah zu erleben.“

Und tatsächlich: Auf der Kanzel sitzend, nimmt auch der Begleiter nach und nach immer mehr von seiner Umgebung wahr, hört mehr und andere Vogelstimmen, von Ferne eine Kuh muhen, den Bach unter dem Hochsitz plätschern und beobachtet das sich verändernde Farbspiel des Grüns in der Abendsonne bis dann schließlich die Dämmerung einsetzt.

Im Gegensatz zur Jägerin schießt er heute sogar: Fotos.

Das Abenteuer für Katharina Koch ist es,auch sich selbst kennenzulernen. Es sei bei jedem Ansitz ein Kampf, wie lange man sitze und es auf der Kanzel aushalte, gerade wenn das Wetter nicht so mitspielt. Ebenso mit Ärger über sich selbst gilt es beim Jagen umzugehen: Hat man an der falschen Stelle gesessen? Hätte man doch schießen sollen? Das sind Fragen, die immer wieder aufs Neue zu beantworten sind. „Und wenn sich unmittelbar vor dem Schuss eine dicke Spinne direkt vor einem abseilt, muss man auch cool bleiben“, sagt sie lachend.

Bevor Katharina Koch und ihr Begleiter die Kanzel für diesen Abend – es ist viertel vor zehn – verlassen scannt die Jägerin mit ihrem Fernglas nochmals langsam das gesamte Areal ab, das in der Dämmerung vor ihr liegt. „Ganz oben, da läuft ein Fuchs“, sagt sie. „Immerhin, da ist heute Abend auch noch Leben.“

 

Der Beitrag ist erschienen im StadtZeit KASSEL MAGAZIN No. 94

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